„Skateboard ist das geilste Werkzeug“

innogy kooperiert mit der Stiftung skate-aid

Skater-Legende Titus Dittmann zusammen mit einem jungen aus einem Skater-Workshop. Beide gucken in die Kamera, Titus Dittmann zeigt auf das Skateboard des Jungen.

Titus Dittmann ist der Vater der deutschen Skateboard-Szene. Er hat das Skateboarden in Deutschland populär gemacht und gilt als Skateboard-Legende. Schon seit einigen Jahren engagiert er sich mit seiner Stiftung skate-aid für Kinder. Auf der Suche nach einem Projekt, mit dem Kinder in den Regionen gefördert werden können, lag es deshalb für innogy nah, den „Lord of the Board“ direkt zu fragen, ob man nicht gemeinsame Sache machen solle. Das Resultat: Gemeinsam mit skate-aid fanden bereits zwei Pilot-Workshops in den Regionen statt, die nicht nur medial ein großer Erfolg waren. Im Interview ist Dittmanns Leidenschaft fürs Skateboarden genauso spürbar wie sein starker Wille, die Welt mit seinem Engagement für Kinder und Jugendliche ein bisschen besser zu machen.

Herr Dittmann, wie kamen Sie zum Skateboarden und was fasziniert Sie daran?

Titus Dittmann: Ich habe Sport studiert und mich damals immer schon besonders für Individualsportarten interessiert. Ich hatte immer ein großes Bedürfnis nach Selbstbestimmung, wollte meinen eigenen Weg gehen, gegen den Strom schwimmen und Normen brechen. Diese Grundhaltung passt perfekt zum Skateboarden: Besonders in der Orientierungshase, also im Teenageralter, ist das Skateboard ein tolles Werkzeug, sein eigenes Ding zu machen, sich von den Eltern zu lösen. In den 70er Jahren war das Skateboarden als gefährlich und überflüssig verschrien: In den Nachrichten wurde sogar über die „gefährlichen Rollbretter“ berichtet und empfohlen, das Skateboarden flächendeckend zu verbieten. Ich war zu diesem Zeitpunkt fast 30 und hatte dieses Vorurteil irgendwie im Kopf, obwohl ich mich doch sonst den Normen nie angeschlossen habe.

Sie haben erst so spät mit dem Skaten angefangen?

Titus Dittmann: Ich weiß, das ist heute kaum noch vorstellbar. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich habe in Münster am Aasee-Hügel Jugendliche mit so billigen Plastikbrettern fahren sehen. Ich war zu diesem Zeitpunkt am Ende meines Studiums. Als angehender Pädagoge hatte ich natürlich riesengroße „pädagogische Antennen“, mit denen man durch die Gegend läuft. Plötzlich spüre ich also etwas, das jeden Lehrer interessiert hätte. Da ist eine Gruppe Jugendlicher, ohne einen Erwachsenen dabei, die harmonisch organisiert ist. Die sind leistungsbereit ohne Ende, die fallen auf die Fresse, nehmen das Brett, gehen wieder hoch, stellen sich drauf, versuchen den Trick immer wieder neu. Die geben nicht auf, sind motiviert. Das erste, was mir mein Bauch gesagt hat: Ich muss das an die Schule bringen, das ist perfekt! Das habe ich dann auch gemacht und eine Skateboard-Arbeitsgemeinschaft an der Schule gegründet.

Und das hat funktioniert unter den Umständen, die Sie eben geschildert haben?

Titus Dittmann: Die Hälfte meiner Pflichtstunden als Referendar an einem Gymnasium bin ich Skateboard gefahren. Ich beherzige das Motto von Konfuzius – „Suche dir einen Job, den du liebst, und du wirst nie mehr arbeiten müssen.“ Danach habe ich während meiner Lehrerzeit nicht gearbeitet, sondern nur Spaß gehabt, außer wenn ich mal wieder ein Disziplinarverfahren am Hals hatte, weil ich das Skateboarden an die Schule gebracht habe. Zum Glück konnte ich aber immer mit Argumenten überzeugen. Für die Gesellschaft war ich ein Störfaktor, aber ich habe immer weitergemacht.

Wie kam es dann zum Umstieg vom Lehrer zum Unternehmer?

Titus Dittmann: Ich habe 1984 meinen Beamtenjob an den Nagel gehängt. Nicht um Unternehmer zu werden, sondern ich wollte mich hundertprozentig dieser Skateboard-Jugendkultur widmen. Das hat mir so einen Spaß gemacht. Ich hab mich da voll reingehängt, habe Weltmeisterschaften nach Deutschland geholt, Jugendlichen das Skateboard fahren beigebracht, Workshops organisiert, einen Verlag gegründet, eine Eventagentur eröffnet und noch vieles mehr. Ich wollte für die Skateboardszene da sein , konnte aber nicht davon leben, also habe ich auch noch Skateboards verkauft, die ich aus den USA geholt habe. Ich habe alle Hochs und Tiefs des Unternehmertums kennen gelernt vom extremen Wachstum bis zu einer Holding bis zur heftigsten Existenzkrise. Jeder normale Mensch hätte das Handtuch geschmissen, aber ich hab mich wie ein Skateboarder durchgebissen.

Sie haben die Initiative skate-aid gegründet. Wie sind Sie darauf gekommen, was hat Sie motiviert?

Titus Dittmann: 2009, als alles wieder rund lief, habe ich die Geschäftsführung der Titus GmbH an meinen Sohn übergeben, war von einem auf den anderen Tag komplett raus und habe dann die Titus-Dittmann-Stiftung gegründet. Seitdem bin ich wieder zu 100 Prozent in der Pädagogik, in der Bildung. skate-aid unterstützt die Persönlichkeitsbildung von jungen Menschen in der Orientierungsphase. Das Skateboard ist das geilste Werkzeug, um Jugendliche stark zu machen.

Beschreiben Sie doch mal, was Sie bei skate-aid machen….

Titus Dittmann: Wir sind in vielen Ländern unterwegs, in denen kein Frieden einkehrt. Wir möchten effizient in die Friedensentwicklung eingreifen. Frieden kann nur durch die Änderung eines Wertesystems im Kopf entstehen. Und je älter der Mensch wird, desto dicker wird das Brett vorm Kopp. Man muss also die Jugendlichen in der Orientierungsphase so stark machen, dass sie das Wertesystem, von dem sie meinen, dass es besser ist, auch mit Power verteidigen können. So ändert sich dann hoffentlich irgendwann die Gesinnung einer Gesellschaft durch den Generationswechsel. Ich weiß, das sind hochgesteckte Ziele. Leider kann ich mit den paar Euro im Monat die Welt nicht retten. Wir bewegen viel, dort wo wir gerade sind. Aber wenn man bedenkt wie groß ein Land ist – mit einem Projekt in Afghanistan können wir Afghanistan nicht retten, aber ein Zeichen setzen.

Seit kurzem führen skate-aid und innogy gemeinsam Skate-Workshops hier in Deutschland durch, an denen sowohl einheimische Kinder als auch Flüchtlingskinder teilnehmen. Was ist an diesen Projekten so wichtig?

Titus Dittmann: Ihr Unternehmen ist damit vorbildlich unterwegs. Wir alle müssen uns noch mehr um die minderjährigen oft unbegleiteten Flüchtlinge kümmern und die Chance nutzen, dass der Mensch in diesem Alter nach Orientierung sucht. Wenn wir diese Kinder und Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und ihnen ein Zuhause in der Skateboardfamilie geben, dann sind fast alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration in unsere Gesellschaft gegeben. Sowohl für die in Deutschland aufgewachsenen Kinder als auch für die Flüchtlingskinder ist das eine enorm wichtige gemeinsame Erfahrung. Skateboarden verbindet und kennt keine Hautfarbe und Herkunft. Sie lernen selbstbestimmt und gemeinsam Tricks mit ihren selbst bemalten Skateboards auf ihren selbstgebauten Rampen. Sie entwickeln sich weiter, bewegen sich, kommen mit anderen Kindern in Kontakt, können kreativ sein. Diese Workshops sind genial: Die Kids haben richtig viel Spaß und es findet echte Integration statt. Wir möchten uns immer weiter darauf spezialisieren, die Integration von Flüchtlingen voranzutreiben, aber auch Prävention in den Herkunftsländern zu betreiben, indem wir den Kindern dort Zukunftsvisionen und Hoffnung bringen. Je mehr Unterstützung wir auch aus dem unternehmerischen Umfeld bekommen, desto besser.

Kann eigentlich jeder das Skateboard fahren lernen?

Titus Dittmann: Nein, kann nicht jeder. Das muss ich aber jetzt erklären. Das Skateboard Fahren ist feinmotorisch extrem anspruchsvoll, man muss ein verdammtes Durchhaltevermögen haben, um die ersten Erfolge zu erleben. Man muss auch eine hohe Frustrations-Toleranzgrenze haben. Und das ist ja das Schöne am Skateboard, weil das alles schult, auch die Leistungsbereitschaft. Deswegen kommen, Gott sei Dank, so viele Erwachsenen damit nicht klar, weil man extrem viel Zeit aufwenden muss, um einigermaßen gut zu werden. Erwachsene nehmen sich diese Zeit oft nicht. Die sind viel früher frustriert, legen sich hin, brechen sich was, sind sowieso frustriert, weil sie was schlechter können als die Kiddies, also lässt man es sein.

Naja, die Workshops sind ja wohl auch eher was für die Kinder oder?

Titus Dittmann: Klar. Aber es ist gut für die Kids, wenn die plötzlich was besser können als die Alten. Das ist extrem sinn- und identitätsstiftend und damit persönlichkeitsfördernd. Diese Entwicklung, die Anerkennung, das Gefühl „Ich bin etwas Besonderes, ich beherrsche so ein kompliziertes Teil“, das gehört dazu. Kinder und Jugendliche sind diesbezüglich noch freier, weil die noch diese normierte Angst und Vorsicht haben. Kinder probieren einfach, machen sich nicht so viele Gedanken. In der Regel ist die Faszination, die Begeisterung dieses Boards so groß, dass der Wunsch, es zu lernen bei einem Kind so groß wird, dass es selbst die Ängste, die ansonsten die Oberhand behalten, weggedrückt werden, weil es so verdammt reizvoll ist.

Ein Jugendlicher fährt mit einem Skatboard eine Halfpipe herunter. Rechts daneben stehen zwei Jugendliche, die sich zwei mit Graffiti besprühte Skateboards vor den Körper halten.

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