Wir sind Energiewende! Wer genau? Und wie?

„Die Blockchain kann die Lösung sein“

Daten über einer digitalen Weltkugel. Blockchain bei innogy zwischen Erzeugern und Verbrauchern von Energie für Energiewende.

Wie können neue Technologien und die Unterstützung des Einzelnen die Energiewende voranbringen? Fragen wie diesen widmet sich Professor Jens Strüker, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft an der Hochschule Fresenius. Wir haben ihn beim Energieeffizienz-Forum von innogy in Dortmund getroffen.

Herr Strüker, Ihr Vortrag hier war überschrieben mit „Wir sind Energiewende!“ Wer ist „Wir“?

JENS STRÜKER: Das ist die zentrale Frage. Mein Zukunftsbild ist eine Echtzeit-Energiewirtschaft, in der alle Akteure teilnehmen. Jeder Erzeuger, vom großen Kraftwerk bis zur PV-Anlage oder Wärmepumpe zuhause. Aber auch Verbraucher, jedes kleine Gerät mit Internet-Anschluss. Das sind „wir“.

Das klingt stark nach dem „Internet der Dinge“.

Genau, im Internet der Dinge – im IoT – sprechen Systeme schon heute miteinander. Neu wäre, wenn wir diese Geräte auch für ein Energiemanagement nutzen würden. Angenommen, mein Nachbar ist nicht zuhause, dann bekommt das mein Haus gemeldet, und ich erhalte – wenn ich Bedarf habe – automatisch Strom von seinem Dach.

Die Grundidee im IoT ist, dass die Transaktionskosten, die Steuerungskosten, gering sind. Es muss einfach sein, dann wird es Realität, dann machen die Menschen mit – das wird auch für ein „Internet der Energie“ gelten.

Wie kann jeder von uns die Energiewende weiter voranbringen?

Ich fasse das in zwei Schlagworten zusammen: Autonomie statt Autarkie.

Mit Autarkie meinen Sie die Möglichkeit des Einzelnen, seinen Energiebedarf selbst zu decken, zum Beispiel mit einer Solaranlage auf dem Dach und dem Stromspeicher im Keller.

Genau, was wir aber anstreben sollten, das ist Autonomie. Das heißt, ich entscheide fallweise selbst, was ich mit der Energie tue. Wann ich den Strom selbst verbrauche, wann ich Strom ins Netz einspeise, wann mein Nachbar meine Batterie nutzen darf. Mehr nicht weniger Interaktion im Stromsystem ist notwendig für die Energiewende.

Ständiges Entscheiden klingt aber nicht nach den erwähnten geringen Steuerungskosten ...

Doch, ich muss das ja nicht jedes einzelne Mal machen, ich werde nicht zum Energy Day Trader, sondern das wird selbstverständlich automatisiert. Das kann Algorithmus-basiert passieren, indem ich einmal festlege: Ich möchte unter diesen und jenen Bedingungen so oder so entscheiden. Gepaart ist der Algorithmus mit Intelligenz, maschineller Intelligenz im Hintergrund, die sich kümmert, dass das Entscheidungsverhalten noch besser wird. Als Nutzer weiß ich allerdings, dass ich immer das letzte Wort haben kann.

Professor Jens Strüker spricht auf dem innogy Energieeffizienz-Forum über Energiewende, intelligent vernetzte Geräte und Blockchain

Wie muss die Energiewende organisiert sein?

Es fehlt an Kommunikation zwischen den beteiligten Anlagen, die einspeisen und verbrauchen. Im Moment tendiert die Energiewende zu sehr Richtung Autarkie: Bei der Erzeugungs-Energiewende geht es schnell voran – nehmen Sie die Windanlagen, die wir großflächig an viele Orte bauen. Was aber fehlt, ist die Einbindung aller Marktakteure. Das heißt, nicht einzelne Inseln erzeugen Strom und andere verbrauchen ihn, sondern alle interagieren viel stärker miteinander. Dazu braucht es sehr lokale Aktivität, ähnlich wie bei Air B’n’B.

Das müssen Sie bitte erklären.

Es geht darum, unterausgelastete Ressourcen lokal auszunutzen. Im Sinne von: Hier ist gerade Strom vorhanden. Kann den jetzt jemand gebrauchen? Oder gibt es da einen Speicher in der Nachbarschaft, den wir nutzen können. Und abhängig davon: Was seid Ihr bereit zu zahlen? Die Technologien dafür sind da, was fehlt, ist das Marktdesign.

Sie kritisieren das fehlende Marktdesign – aber wo liegt der Spielball? Im Feld der Politik, der Wirtschaft, des Kunden, von allen?

Von uns allen. Das klingt jetzt platt, trifft es aber. Denn es ist ja wirklich komplett neu. Wir müssen ganz viel erst noch im Realbetrieb erproben. Und dazu braucht es uns alle.

Wie wichtig ist die Partizipation des Einzelnen für das Gelingen der Energiewende?

Wir brauchen klare Preise, so dass ich mich entscheiden kann, ob ich bei diesem System Erzeugung/Handel/Verbrauch teilnehmen möchte. Die Netzentgelte des heutigen Strompreises berücksichtigen nicht die Netzauslastung. Das meine ich auch mit dem Marktdesign: Es fehlen klare finanzielle Anreize. Etwa, damit ich mir einen Speicher kaufe, weil ich weiß, dass ich damit regelmäßig Energiespitzen abpuffern und somit Geld verdienen kann.

Welche technologischen Lösungen helfen, um das „Wir“ zu stärken?

Eventuell die Blockchain-Technologie. Wenn alle miteinander kommunizieren und Energie handeln, müssen sie auch abrechnen können. Das ist mit den heutigen Technologien sehr teuer: Man braucht immer eine zentrale Transaktions-Datenbank, die das nachhält, ein Clearing-System, jemand, der die Verantwortung übernimmt.

Die Blockchain kann hier eine Lösung sein – bekannt ist sie ja durch Bitcoins. Sie ist ganz dezentral aufgesetzt und braucht keine Vermittler. Das ermöglicht es, dass ich schneller handeln und auch kleine Transaktionen sehr sicher organisieren kann.

Warum sicher?

Weil jede Komponente, die teilnimmt, sei es ein Speicher, ein PV-Dach oder ein Stromzähler, selbst ein Rechner sein wird, der die Transaktionen meldet und nachhält. Alle haben den gleichen Stand, und dieser wird alle paar Minuten synchronisiert. Die Datenbank wird auf allen Rechnern gespiegelt und kann nicht vom Einzelnen geändert werden. Auf diese Art lässt sich sehr schön direkt zwischen den Nutzern abrechnen – auch Kleinsteinheiten. Ohne Vermittler. Jeder, der neu dazukommt, wird Teil dieses Netzes und kann, wenn die Rechenleistung bereitgestellt wird, dessen Wachstum ermöglichen.

Das klingt erst einmal kompliziert.

Ist es auch – und sehr viele Fragen sind noch offen. Letztlich macht die Blockchain-Technologie aber auf komplizierte Weise etwas sehr Einfaches: Sie führt Buch über Transaktionen und hält selbst kleinste Mikro-Transaktionen nach. Sind heute Millionen von Einspeisern wie Photovoltaik-Anlagen zu koordinieren, werden wir in nicht allzu naher Zukunft Milliarden von kleinen Erzeugungsanlagen und stromverbrauchenden Geräten aufeinander abstimmen müssen. Und genau hierzu könnte die Blockchain-Technologie einen wesentlichen Beitrag leisten.

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